Götter, Geister, Galileo

Geheimnisvolle Parks und Schlösser in Venetien – Kirche und Wissenschaft in Padua

Der Regen fällt auf die versteinerten Korallenriffe des Kalksteingebirges der Dolomiten. Dann braucht das Wasser etwa 25 Jahre bis es die 3000 Meter tief versickert, sich mit Mineralien anreichert und rund 100 Kilometer zurücklegt. Wenn es dann am Fuß des Monto Irone als Schwefel- oder Kochsalz dem Erdboden wieder entspringt, ist es bis zu 85 0C heiß – und versorgt mit den norditalienischen Kurorten Abano und Montegrotto Terme jene Heilbäder, die schon den Römern als Fons Aponi oder Aquae Patavinae bekannt waren. Die Euganeischen Hügel liegen in Venetien. Obstgärten, Weinberge und Olivenhaine gibt es hier und idyllische Dörfer.
An diesem Nachmittag liegen die Hügel in leichtem Dunst, im Dorf Arquà Petrarca ist es beschaulich und ruhig. Die Hauptattraktion von Arquà ist das Wohnhaus des Dichters Francesco Petrarca, die Casa del Poeta. Der Dichter gilt als Mitbegründer des Humanismus und Wegbereiter der italienischen Renaissance, unter anderem hat er den 366-teiligen Zyklus Canzoniere verfasst – in dem er vor allem auch seine Liebe zu einer Frau wortgewaltig beschwor. Im Jahr 1374 zog er sich in die Ruhe des Landlebens zurück und beschrieb es in seinen Gedichten.
Die Wände seines Hauses sind mit Fresken ausgemalt, etwa im Zimmer der Kleopatra Szenen aus Petrarcas Epos Afrika: Kleopatra, die sich mit giftigen Schlangen tötet, damit sie nicht zur Kriegsbeute der Römer wird. Vor der Tür blühende Bäume, im Dorf läuten die Glocken nach dem Abendgottesdienst. Vor der Kirche steht der schwere Marmorsarkophag des Dichters. Als jener 2004 zu Forschungszwecken geöffnet wurde, erlebten die Forscher eine Überraschung – denn der Schädel in dem Marmorsarg gehörte zu Lebzeiten offenbar einer Frau. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich aber ansonsten um die sterblichen Überreste des Dichters, der für seine Zeit mit einer Körpergröße von 1,85 Metern ein wahrer Riese gewesen sein soll.
Geschichten wie diese gibt es in Hülle und Fülle in den Euganeischen Hügeln. Manche sind leichtfüßig wie die meteorischen Wasser der Euganeischen Quellen, manche tiefsinnig.


Der Park von Valsanzibio beispielsweise, der von einem venezianischen Adligen, dem Senator Zuane Francesco Barbarigo, angelegt wurde und 2003 zum schönsten Park Italiens gekürt wurde. Streng genommen Veneto ist der Barockgarten eine Meditation über das Leben, wenn auch eine humoreske: Der Gott Chronos herrscht in einem Parkstück als gewaltige Skulptur mit dem Stundenglas zu Füßen und lässt den Betrachter über die Vergänglichkeit sinnieren. Die Wasserspiele dienten und dienen dem Vergnügen der Gäste, auf den Teichen schwimmen als Zeichen für die Licht- und Schattenseiten des Lebens schwarze und weiße Schwäne. Und mit einem Schmunzeln hat sich der Architekt Luigi Bernini mit der „Kanincheninsel“ der Gefangenschaft des Menschen in seiner Zeit und seiner Welt gewidmet: So wie die Kaninchen nicht heraus und die Menschen nicht auf diese Insel kommen, leben sie auch in ihrer kleinen Welt vor sich hin.
Veneto Das „Castello di Cini“ in Monselice war ursprünglich eine langobardische Festung. Eine umfangreiche Sammlung von Ritterrüstungen, Waffen und Schatztruhen mit aufwändiger Mechanik zeugen davon. Später verband die Familie de Carrara das Kastell mit einer zweitürmigen Festung, die Familie Marcello nutzte es als Sommerresidenz, und letztlich renovierte Vittorio Cini den gesamten Komplex für den Eigengebrauch. Heute ist es für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Fremdenführer schwören Stein und Bein, dass es im Schloss spuke. Die Wächter seien mitunter von dem Geisterpaar erschreckt worden.

Das Castello

Nur einige wenige Kilometer weiter, die Hügel sind am Horizont noch sichtbar, versammeln sich auf der abendlichen Piazza von Padua Studenten, Touristen und Einheimische zum Bummeln, auf einen Espresso oder zum Essen. Die 210000-Einwohnerstadt in nur 30 Kilometern Entfernung von Venedig bleibt allerdings für viele ein Geheimtipp. Dabei lädt sie nicht nur in ihren „Salon“, in den riesigen Palazzo della Ragione ein. Erbaut im frühen 13. Jahrhundert auf dem antiken Forum Romanum ist das ehemalige Gerichtsgebäude wegen seiner riesigen Dachkonstruktion ein architektonisches Meisterwerk. Angeblich Giotto soll diesen größten „hängenden“ Saal der Welt mit Fresken verziert haben. Ein Feuer zerstörte die ursprüngliche Bemalung, später stellten paduanische Künstler die 333 Tafeln wieder her, die einen mittelalterlichen astrologischen Zyklus darstellen.
Und dann gibt es doch noch Giotto: Padua ist stolz auf seine „erzählenden Wände“, vor allem aber auf jenen prachtvollen Freskenzyklus Giotto di Bondones in der Scrovegni-Kapelle. Der Bankier Enrico Scrovegni hatte die Kapelle im Gedenken an seinen Vater bauen lassen. Offensichtlich auch, um Buße an seines Vaters Statt zu tun: Denn dieser, ebenfalls Bankier, sollte später in Dante Alighieries „Göttlicher Komödie“ wegen Wuchers in die Hölle verbannt werden. Kein Wunder also, dass die Motive des Freskenzyklus nicht nur in über 100 farbenprächtigen Bildern die Geschichte Marias und Jesus erzählen, sondern auch das Grauen des jüngsten Gerichts in infernalischen Szenen beschreiben.
Weggeworfene Krücken, blütengerahmte Heiligenbilder und zahllose Dankesbriefe – es ist ein ungewöhnliches kleines Museum, das der Basilika des Heiligen Antonius in Padua angeschlossen ist. Und doch hat es für die Gläubigen eine kaum geringere Bedeutung als die zahllosen Kunstschätze der Basilika, wie etwa die Kreuzigungsgruppe von Altichiero da Zevio. Denn Gregor IX. sprach 1232 den franziskanischen Bußprediger auf das stürmische Verlangen des Volkes hin heilig, das ihn nach seinem Tode als großen Wundertäter verehrte.

Die Universität Padua, Wirkungsstätte Galileo Galileis

Padua ist aber auch die Stadt mit der zweitältesten Universität Italiens, erbaut 1222, an der zunächst Jura, dann Medizin, Mathematik, Philosophie, Literatur und Rhetorik gelehrt wurden. Das gehört zum ursprünglichen Kernkomplex der Universität, doch war der „Palazzo del Bo“ auch Wirkungsstätte Galileo Galileis, der seine Zeit als Mathematikprofessor in Padua später als die glücklichste seines Lebens beschreiben sollte. Das Katheder ist aus rohem Holz gezimmert, dennoch beherrscht es den Raum, in dem sich vor fünf Jahrhunderten Studenten trafen, um Vorlesungen Galileo Galileis zu hören. Schon dort unterstützte Galileo das heliozentrische Weltbild des Kopernikus, dort entwickelte er sein Fernrohr, mit dem er die später als Galileischen Monde bezeichneten Jupitermonde entdeckte.
Venice, Canale Grande, ein Abstecher nach Triest, in die Opernstadt Verona oder auch in die Lagunenstadt Venedig – eines sollte man jedoch auf keinen Fall versäumen. Am Abend in einem der zahllosen Restaurants der Euganeischen Dörfer unter freiem Himmel die lokalen Köstlichkeiten zu kosten: Bäuerliche Tradition mit langer Erfahrung verfeinert für den Gourmet-Gaumen Salamis, Salate und Risotto. Und vielleicht findet man dann bei einem Glas der insgesamt 13 herausragenden D.O.C-Weine beim Blick in den Himmel sogar die Galileischen Monde.